Zur Geschichte der Alpwirtschaft im Vinschgau

 

Ausgrabung am Grubensee im Schlandrauntal 2004
  Schnitzerei an einer Almtäfelung

Grundsätzlich müssen wir beim Thema Alpwirtschaft für deren Anfänge von einer reinen Weidewirtschaft ausgehen, was bedeutet, dass man mit Sicherheit erst im Hochmittelalter von einer regelrechten Alpwirtschaft mit der Herstellung von Butter und Käse sprechen kann. Zwar gibt es einige Hinweise, die für einen Beginn der Alpung von Milchvieh bereits in der Römerzeit sprechen, doch fehlen bislang die konkreten schriftlichen und archäologischen Belege. Aus dieser Zeit gibt es aber archäologische Zeugnisse, wie Bronzeglocken und bauliche Strukturen im Hochgebirge mit entsprechenden Kleinfunden (Keramik, Knochen- und Metallgeräte), die deutliche Hinweise auf eine organisierte Weidewirtschaft sind.

 

Ausgrabung am Grubensee im Schlandrauntal 2004
  Ausgrabung am Grubensee im Schlandrauntal 2004
   
  Keramikfunde am Brandopferplatz im Schlandrauntal 2004
  Keramikfunde am Brandopferplatz im Schlandrauntal
 
Fotos: Markus Mahlknecht
Für den Vinschgau gibt es sogar noch ältere Funde, die man mit Weidewirtschaft in Verbindung bringt. Im Schlandraun Tal wurden zwischen 2001 und 2004 archäologische Untersuchungen an einem Brandopferplatz der ausgehenden Bronzezeit, der Eisenzeit (Räter) bis in die Römerzeit (1.200 v.Chr.-200 n.Chr.) durchgeführt. An einem Hochgebirgssee (2.400m) inmitten ausgedehnter Weideflächen wurden zu gewissen Anlässen im Sommer Feueropfer dargebracht. Über den Hergang solcher Opferhandlungen weiß man sehr wenig, die Funde bestehen allerdings zu 80% aus Knochen von Ziegen oder Schafen, Rinderknochen fehlen völlig. Auch Siedlungsreste mit wenigen Funden aber eindeutigen Datierungen in die Eisenzeit (um 500 v.Chr.), sowie ein eindeutig datierter Viehpferch in das 9. Jahrhundert v.Chr. (Frühe Eisenzeit) können als deutliche Hinweise auf urgeschichtliche Weidewirtschaft verstanden werden.

Für die Spätantike und das Frühe Mittelalter (bis 1.000 n.Chr.) fehlen im Vinschgau jegliche Quellen für Alp- oder Weidewirtschaft. Im Hochmittelalter (ab 1.200 n.Chr.) ändert sich das Bild. Schriftliche Quellen berichten vom Bestreben der Grundherren auch die Hochtäler dauerhaft zu besiedeln (z.B. Schlinig, Schlandraun, Planeil, Matsch...). Dieser sogenannte 1. Siedlungsausbau setzt allerdings ein milderes Klima und kräftige Unterstützung für die Betreiber durch die Grundbesitzer voraus. Dabei wurde ihnen oftmals das Baumaterial und das Vieh zur Verfügung gestellt, dazu kamen günstigere Abgabenleistungen. Diese bestanden zu einem Großteil aus Käse, Schmalz, Häuten, Loden sowie Tieren, meist Kitzen oder Lämmern. Diese sogenannten Schwaig- bzw. Grashöfe können als direkte Vorformen der zum Großteil heute noch genutzten Kuhalmen bezeichnet werden. Auffallend ist der hohe Anteil an Schafen, die auf den Schwaighöfen gehalten werden, während Kühe eine relativ geringe Rolle spielen. Oftmals wird auch von Schafkäse gesprochen, der als Abgabe erwähnt wird.

Die Entstehung der Kuhalmen im Spätmittelalter folgt auf wirtschaftliche und klimatische Veränderungen ab dem 15. Jahrhundert. Die bisherigen Grundherren Adel und Klerus lösen sich von Grundbesitz, der ihnen zu unrentabel erscheint, aber auch die oftmals leeren Kassen füllen soll. Damit gelangen vermehrt hochgelegene Schwaighöfe in den Besitz mehrerer Bauern, bzw. der Gemeinden. Dazu kommt eine dramatische Klimaänderung, auch kleine Eiszeit genannt, deren Folgen ein dauerhaftes Siedeln und Wirtschaften in den Höhenlagen unmöglich machen. Die Haltung von Rindern nimmt zu, wohl mehr zu Mastzwecken als zur Erzeugung von Milch und derer Produkte. Die Alpung einzelner Kühe aber bedeutet für den Talbauern eine deutliche Arbeitsentlastung, ein merkliches Einsparen von Futter und eine lebenswichtige Versorgung mit Butter/Schmalz und Käse, Grundnahrungsmittel, die er sonst teuer kaufen müßte.

Nur in gemeinsamer Arbeit konnten große Lasten per Pferdefuhrwerk von und zur Alm gebracht werden

 
Nur mit gemeinsamer Arbeit konnten große Lasten
per Pferdefuhrwerk von und zur Alm gebracht werden
Foto: Sammlung Herbert Pinggera, Stilfs

 

Die Almen werden gemeinschaftlich bewirtschaftet, Ausbesserungsarbeiten werden gemeinsam getätigt, die Produkte werden im Verhältnis aufgeteilt, ein Senn und seine Gehilfen werden von allen zu gleichen Teilen bezahlt. Meist steht ein Alpmeister mit wenigen Gehilfen als Ansprechpartner zur Verfügung.
Im 16. und 17. Jahrhundert wird die Rinderhaltung intensiviert, was zu einem Abdrängen der weiterhin sehr zahlreichen Schafe und Ziegen in höhere Regionen bewirkt. Die guten Weiden oberhalb der Waldgrenze werden vermehrt mit Ochsen und Galtvieh bestoßen. Mastvieh wird bis in die großen Ebenen nördlich und südlich der Alpen getrieben und verkauft. Auch die Kuhalmen erreichen die Grenze ihrer Belastbarkeit, neue Weiden müssen erschlossen werden, der Anstieg der Bevölkerung und neue Erwerbszweige führen zu einem großen Bedarf an Fleisch- und Milchprodukten. Die rechtliche Situation im Vinschgau ist zumeist die Interessentschafts- bzw. Gemeinschaftsalm, Privatalmen bilden die Ausnahme. Alpordnungen werden erstellt, müssen alle paar Jahrzehnte überarbeitet und erneuert werden.

 

Blick in eine alte Alm mit allerhand Gerätschaften und Gebrauchsgegenständen
 

Blick in eine alte Alm mit allerhand Gerätschaften und Gebrauchsgegenständen
Foto: Sammlung Herbert Pinggera, Stilfs

Am Ende des 19. Jahrhundert erreicht die Alpwirtschaft ihre Grenzen: Überbestoßung bildet dabei das größte Problem, die Weiden leiden darunter, Tierseuchen wirken als natürliche Regulatoren, strenge Auflagen sind an den Auftrieb von Alpvieh gekoppelt und Grenzstreitigkeiten zwischen Almen sind die Regel. Im Vinschgau überwiegt die Rasse Braunvieh, wobei die Nachbarschaft mit der Schweiz dabei entscheidend Einfluss nimmt. Das schweizerische Braunvieh gilt als sehr robust und für die Milch- wie auch Fleischproduktion geeignet.
An dieser Situation hat sich bis zum Ende des 2. Weltkrieges kaum etwas geändert, die darauf folgenden Jahrzehnte sollten allerdings zu den bislang umwälzendsten zählen, die die Alpwirtschaft bisher zu erleben hatte.

Ausgrabung am Grubensee Schlandraun Almpersonal anno dazumal Inschrift an einer Almtür von 1947 und 1965
Die Anfänge - Vorgeschichte


Beginn der Weidewirtschaft

Mit dem Übergang von einer nomadisierenden zu einer seßhaften Wirtschaftsweise verliert der Mensch nach und nach seine Fähigkeiten als Jäger und Sammler zu überleben. Dafür wird er zum Bauer, der seine Felder bestellt und Vorratshaltung betreibt. Dazu hat er gelernt Wildtiere zu zähmen und sie für seine Bedürfnisse zu nutzen, d.h., die Milch zu verarbeiten und jederzeit Zugriff auf Fleisch zu haben, ohne auf die Jagd gehen zu müssen.


Domestizierung und Viehhaltung

Das erste domestizierte Tier scheint der Hund gewesen zu sein, der ursprünglich als Jagdhelfer eingesetzt wurde und später ein wichtiger Begleiter der Hirten wird. Im Vorderen Orient wird bereits im 9. Jahrtausend v.Chr. die Hausziege domestiziert, wobei als Wildform die heute noch vorkommende Bezoarziege angenommen wird. Schon bald darauf werden Wildformen der Schafe gezähmt, bis auch Urrinder und Schweine vom Menschen gezähmt werden. Während der Ackerbau zu einer relativ sesshaften Wirtschaftsweise zwingt, kann der Viehzüchter auch weiterhin ohne „festen Wohnsitz“ überleben, d.h., er richtet sich nur nach dem Futter- und Wasserangebot und einer geeigneten Klimaregion. Diese Form von Viehhaltung ist auf dem afrikanischen und asiatischen Kontinent heute noch weit verbreitet (Sahelzone, Mongolei...).


Die ungeklärte Frage nach den Anfängen

Die Anfänge der Alpwirtschaft im alpinen Raum und so auch im Vinschgau verlieren sich im Dunkel der Vorzeit. Dass bereits der Mann aus dem Eis in Gemeinschaft mit domestizierten Tieren lebte, beweisen seine Beinkleider und sein Fellmantel, die aus Ziegenfellen hergestellt wurden. Ob er allerdings ein Hirte war ist bis heute unter den Fachleuten umstritten.


Text: Markus Mahlknecht